Mit dem Rollstuhl den Reben entlang


Sommertage sind der Inbegriff von Genuss – ob ein Glas Wein bei gemütlichem Zusammensein oder aber auch eine Erkundungstour unterschiedlicher Naturperlen. Der Rebenweg am Bielersee biete die Möglichkeit zur Kombination beider.

kp – Über 15 km lang erstrecken sich am nördlichen Seeufer von Biel bis La Neuveville unzählige Rebstöcke. Dazwischen befindet sich ein asphaltierter Weg, der sich besonders für Rollstuhlfahrende eignet. SMA Schweiz hat sich deshalb an einem sonnigen Montagmorgen entschieden, diesen Ausflugtipp selbst zu testen.

Ein Erlebnisbericht. 9.35 Uhr – langsam werde ich nervös. Ich stehe zusammen mit Pesche, Einstiegs-Assistentder SBB, auf Gleis 6 und warte auf Flavia. Noch sieben Minutenbis unser Zug von Bern Richtung Biel/Bienne abfahren wird. Während mir Pesche von seinem Badierlebnis erzählt, schaue ich zur Auffahrtsrampe hinüber. Ein blauer Swisstrac kommt angerollt – das ist sie. Nun kann unser Ausflug los gehen und wir mit der gelben Hebebühne in den Zug gehoben werden.

In Biel angekommen zücke ich das Navi, das uns zum Rebenweg führen soll. Bereits nach wenigen Metern ist See in Sicht. Bei praller Sonne und stahlblauem Himmel glitzert der Bielersee vor unseren Augen. Doch Zeit, diesen Anblick zu geniessen, nehmen wir uns erst später, denn der Weg führt uns weg vom See hin zur Hauptstrasse Richtung Vingelz. Dort soll dann auch der Rebenweg starten. Die Schnellstrasse ist relativ stark befahren, bietet aber dank einem breiten Trottoir grösstenteils Platz für uns zwei Rollstuhlfahrerinnen nebeneinander. Linker Hand reihen sich Häuser, rechter Hand erstrecken sich steile Felsen, die bereits ein Rebengebiet erahnen lassen. Doch je weiter wir der Strasse folgen, desto schwieriger wird es, gelassen auf dem Trottoir weiter zu fahren. Das Navi will uns auf die Strasse führen. Wir schauen uns an und sind uns einig – ohne Fussgängerstreifen eine Schnellstrasse zu überqueren, das ist uns zu riskant. Zumal auf der anderen Strassenseite auch nur ein Velostreifen ersichtlich ist. Wir nehmen also die Unterführung. Für mich eine kleine Herausforderung, denn schon bald führt diese auf einen Weg direkt neben Gleisen. Ich hoffe inständig, dass gerade jetzt kein Schnellzug vorbei fährt. Der Weg eignet sich jedoch sehr gut für den Rollstuhl und nun haben wir sogar wieder Seesicht. An einzelnen Stellen wachsen bereits einige Rebstöcke, die von grossen, noch unreifen Trauben geziert werden. Der Uferweg erstreckt sich bis nach Twann. Immer wieder versuchen wir, einen Weg nach oben zu finden, damit wir den Einstieg in den Rebenweg nicht verpassen. Oft müssen wir jedoch feststellen, dass die steilen Rampen oder die vielen Stufen uns zwingen, auf dem Uferweg zu bleiben.

Erst in Twann finden wir die erste rollstuhlgängige Unterführung. Für unsere Geduld werden wir hier sogleich belohnt: idyllische schmale Gässchen zwischen mittelalterlichen Häusern. An jeder Ecke gibt es was zu entdecken, seien es Rosen, die einen Hauseingang zieren oder liebevoll gestaltete Restaurants, die nur Platz für wenig Gästebieten. Das Objekt der Begierde ist jedoch ein anderes: der Brunnen. Wir kühlen uns ab und geniessen diese kurze Erfrischung. Dabei stellen wir schnell fest, dassunser Magen knurrt.

Weil Montag ist, haben die Restaurants im Dorf geschlossen, nur das Hotel Bären ist geöffnet. Wir setzen uns an einen Tisch auf der Veranda und lassen uns bedienen. Eine Serviertochter mit etwas zu hohen Stimme wirbt das Tagesmenü an. Ohne Erfolg, denn wir entscheiden uns für Fisch und Ravioli. Was dabei nicht fehlen darf ist die Unterstützungder lokalen Winzer. Ob weisser Chasselas, roter Pinot noir oder ein Glas Rosé vom Oeil de Perdrix – das Rebgebiet am Bielersee mit seinen rund 40 Rebsorten bietet für jeden Geschmack etwas.

Nach dem Essen verschwindet Flavia noch kurz auf der Toilette, diese ist behindertengerecht und bietet genügend Platz. Ich gehe schon mal vor. Über einen kleinen Absatz bei der Terrasse hin zu einen kleinen, aber für den Rollstuhl genau passenden Lift gelangeich wieder aus dem Hotel zurückauf die Tessenbergstrasse, wo Flavia und ich uns treffen. Dort ist es uns nun möglich, auf den Reblehrpfad zu kommen.

Ein kurzer aber steiler Aufstieg und schon befinden wir uns zwischen den Rebstöcken, die eine Fläche von rund 220 ha bedecken. Wir schauen über den Bielersee, dabei erstreckt sich die St. Petersinsel direkt vor unseren Augen. Die Weite ist faszinierendund deshalb muss dieser Ausblick fotografisch festgehalten werden. Auf der ganzen Strecke zwischen Twann bis Ligerz bieten sich viele Schönheiten zum Fotografieren an. So beispielsweise unzählige Eidechsen, die die warmen Temperaturen geniessen. Ein weiteres Highlight auf dieser Wanderung: Die Sprinkleranlage der Rebstöcke. Sie bieten uns die nötige Abkühlung, auch wenn diese nur für kurze Zeit anhält.

Auf der Höhe Ligerz beschliessen wir, aufgrund des steilen Abgangs eines Kieswegs umzukehren. Gemütlich düsen wir zurück nach Twann – auch der Sprinkleranlage statten wir nochmals einen Besuch ab. Während die kühlen Tropfen langsam auf unserer Haut verdunsten, beschliessen wir, von Twann nach Biel das Schiff zu nehmen. Das Schiffspersonal ist hilfsbereit und hebt den Elektro-Rollstuhl etwas an, damit ich über die Rampe aufs Schiff gelangen kann. Mit dem Swisstrac von Flavia klappt dies sogar ohne Hilfe. Wir geniessen den Bielersee nun aus einer anderen Perspektive, sind nicht undankbar für denleichten Wind.

Zurück am Bahnhof Biel holen wir uns mit einer Glace und kaltem Getränk die restliche Abkühlung, während wir auf den Zug Richtung Bern warten.

Kim Pittet für SMA Schweiz
Bilder Flavia Trachsel